Sonntag, 17. August 2014

Besuch nach einem Jahr in Deutschland

Ein gutes Jahr liegt zwischen meinem letzten Eintrag und jetzt. Um kurz an den letzten Text anzuknüpfen- ich habe sowohl diverse Multiplikator_innen- Schulungen zu entwicklungspolitischen Themen, als auch eine Schulung zur Teamerin für "ijgd" und die Leitung eines tollen Vorbereitungsseminars für Kurzzeitfreiwilligendienste hinter mir.
Außerdem habe ich, statt in der Hausaufgabenhilfe der AsylbewerberInnenunterkunft zu helfen, ein 8monatiges Praktikum gemacht.
Den neuen Eintrag schreibe ich einerseits, um denen, die meinen Blog zur Vorbereitung auf ihren eigenen FWD lesen, zu zeigen, was sich bei mir nach "weltwärts" so abgespielt hat. Außerdem fliege ich morgen zurück nach Ghana, um meine Gastfamilie, Freunde und Kolleg*innen zu besuchen.
Vielleicht finde ich im Anschluss ein wenig Zeit für Bilder und einen Bericht darüber.

Platz für Geschenke vs. Hängematte und Laptop..

Sonntag, 13. Oktober 2013

Abschied




Der Abschied in und von Ghana, meiner (Gast-) Familie, meinem neuen Zuhause, meinen Freunden, KollegInnen und meinem Alltag in der Einsatzstelle, ist bereits 2 1/2 Monate her.
In 11 Monaten hatte ich die gesamten Mitarbeiter eines Krankenhauses kennengelernt- vom Pflegepersonal über Reinigungkräfte bis hin zu den Torwächtern. Ich versuchte mein Bestes, um wirklich jedem von ihnen nocheinmal persönlich „Tschüss“ zu sagen.

Das Team der Notaufnahme

Mit der Chefin der Kinderstation

Die Mitarbeiter der Wäscherei

Mathilda aus der HIV- Abteilung

Am letzten Wochenende vor meiner Abreise wollte ich meiner Familie und meinen Freunden im Haus einen schönen Abschied machen. Dazu luden Juli und ich zu einem gemeinsamen Tag am nahegelegenen Strand in Winneba ein. Die Kinder hatten noch nie zuvor das Meer gesehen- und das, obwohl sie eine knappe dreiviertel Stunde davon entfernt wohnen. Besonders glücklich machte mich, dass sich damit meine Schwester Liesbeth, die als Haushaltshilfe und Schneiderin kaum Freizeit hat, genauso wie meine Nachbarskinder und Freunde Sarah, Sergy und Henry, die jeden Tag nach der Schule abwechselnd ihrer Oma und ihrer Mutter beim Verkaufen auf dem Markt helfen, eine Auszeit vom Alltag nehmen konnten.
Als sich uns die Sicht auf den Atlantik bot, waren die Kinder sprachlos. Nie zuvor hatten sie so etwas gewaltiges und fürchteinflößendes gesehen. Dann fragten sie aufgeregt- Wie groß ist das? Kann man auf die andere Seite schwimmen? Was ist auf der anderen Seite? Ist das Wasser tief? Gefährlich?... Am Sandstrand angekommen warfen sie schnell ihre Sachen auf einen Haufen und liefen durch den weichen Sand, lasen Muscheln vom Boden auf, spielten Ball und rannten um die Wette. Die Wellen waren für die Kleinen zum Baden zwar zu hoch und die Strömung zu stark, aber Winneba hat einen unter Nichtschwimmern beliebten Naturpool, in dem sie dann zum ersten mal in's kalte salzige Meerwasser steigen konnten. Die Wellen führten dem Becken dabei von der dem Meer zugewandten Seite neues Wasser zu, das dann gegenüberliegend durch eine Aussparung in der Beckenwand ablaufen konnte. So blieb das Wasser gleichbleibend bauchtief. Mit einer Mischung aus Freude und Angst ließen sich die Kinder erklären, dass sie nur hüpfen bräuchten, um einer Welle zu entkommen. Trotzdem schrien sie bei jeder nahenden Welle und umklammerten die größeren von uns.

Während einige im Pool spielten und sich im Tauchen oder Schwimmen übten, buddelten sich andere gegenseitig im Sand vor dem Pool ein. Nach ein paar Stunden waren einige Kinder vom kühlen Wasser und dem Seewind so durchgefroren, dass sie sich bibbernd in ihre Handtücher einwickelten.
Auch wenn ich nicht alle mitnehmen konnte, die ich hatte mitnehmen wollen, war es ein wunderschöner letzter Ausflug und ich hoffe, dass er auch den Familien und Kindern lange in Erinnerung bleiben wird.





Unsere Gastmütter, Linda und Sissy, entspannen






Am nächsten Tag bereiteten Liesbeth, Juli und ich Pfannkuchen für unser Haus vor, in dem insgesamt circa 50 Menschen leben. Dass ich viele Nachbarn hatte war mir zwar immer klar, aber das mich zu Hause so viele Menschen umgaben, war dann doch eine Überraschung. Wir verbrachten Stunden damit Teig anzurühren und zu braten. Anschließend teilte Liesbeth die fertigen Pancakes mit einem Fruchtsaft für Jeden aus. Da sie dabei sehr großzügig war, leerte sich die Schale so schnell, dass für uns „Köche“ am Ende nur Reste blieben. Weil wir schon beim Braten unheimlich hungrig wurden, waren unsere Blicke in den fast leeren Behälter dementsprechend traurig. Als unsere Nachbarn das sahen, holten sie selbstgebackene Fleischkuchen für uns. Und zwar so viele, dass wir nur die Hälfte essen konnten. Nachdem sich alle gestärkt hatten, wurde zur Musik getanzt, die mein Vater über seine Lautsprecher in der Wohnstube abspielte. Leider sollten sie aber ausgerechnet an diesem Tag ihren Geist aufgeben und so fand der Tag einen ruhigen Ausklang.
Am Abend schauten wir uns gemeinsam die Bilder an, die ich in den vergangenen 11 Monaten von uns gemacht hatte. Immer wieder brachen wir in schallendem Gelächter aus, meistens über Sergy, der sein Gesicht zu den schrägsten Grimassen verzieht, sobald er eine Kamera sieht.









Meine selbstgebastelten Abschiedsgeschenke mit Muscheln vom Strand für die Kinder





Meine Nachbarin Madame und ich



Henry und ich
Den eigentlichen Tag meines Abschieds verbrachte ich damit, meine Taschen zu Ende zu packen. Und zwar sehr langsam, denn ich wollte so lange wie möglich vermeiden in den Innenhof zu gehen, in der Hoffnung, bei einem kurzen Abschied nicht weinen zu müssen. Es gehört sich für Erwachsene nämlich nicht, zu weinen. Als dann mein Taxi zur Busstation vor dem Haus wartete, wurde der Kloß in meinem Hals immer größer. Besonders der Abschied von Henry, meinem besten kleinen Freund, fiel sehr schwer.
Als mir dann doch ein paar Tränen über die wangen kullerten, zog mich Liesbeth teils mitfühlend, teils belustigt zum Taxi.

Von meinen Wochenendreisen weiß ich, dass sich die Meisten aus Abschieden wenig machen. Dafür ist jeder Empfang ein Fest.




Das Jahr in Ghana war für mich, besonders rückblickend betrachtet, eine sehr bereichernde Erfahrung.  Ich konnte mir einen Einblick in ein sogenanntes Entwicklungsland verschaffen; wurde von einer sehr weltoffenen Familie aufgenommen, die nicht müde wurde mir die Welt neu zu erklären. Ich konnte nicht nur Teil einer wundervollen Familie, sondern auch einer sehr freundlichen, großen, vielfältigen Wohngemeinschaft werden, in der mir jeder Mensch ein Freund wurde und jederzeit ein offenes Ohr bot. Im Krankenhaus lernte ich Flexibilität, Gelassenheit und Offenheit. Beginnend mit einem großen Tatendrang gelang ich über Resignation eigener, egoistischer Vorstellungen zu großer Anerkennung für die Arbeit meiner KollegInnen.
Hatte ich anfangs noch die Vorstellung, als gelernte OTA in einem ghanaischen Krankenhaus- OP arbeiten und „helfen“ zu können, so wurde mir eine Erfahrung zuteil, die für viele MigrantInnen in Deutschland bitterer Alltag ist- du hast deinen Abschluss nicht in dem Land gemacht in dem du jetzt bist, also hast du hier auch keinen.
Ich war in diesem Jahr wieder Lernende- das war auch gut so. Der Einsatz war eben keine „Hilfe“, sondern ein Austausch, bei dem ich einiges gelernt habe.

Was ich natürlich nicht außer Acht lassen möchte und nach den vielen Berichten kaum noch kann, sind die vielen kleineren und größeren Reisen, die ich durch Ghana machen konnte. Ich habe sehr schöne Orte gesehen und sie mit Menschen bereist, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

Der Grund, den Einsatz als entwicklungspolitischen Freiwilligendienst zu bezeichnen, war mir in Ghana lange schleierhaft- schließlich bewirkt ein Freiwilliger mit seinem Einsatz kaum längerwährende Veränderungen.  Nachdem ich jetzt aber wieder zurück in Deutschland bin, wird mir bewusst, wie viel Potential die neuen Erfahrungen mit sich bringen und was sie in mir bewirken.
Das Wissen, dass ich sowohl beim Freiwilligendienst selbst als auch bei den sehr hilfreichen Seminaren davor und danach erlangt habe, möchte ich auf meinen Alltag in Deutschland übertragen.
So werde ich ( hoffentlich) eine Ausbildung zur Multiplikatorin im Bereich entwicklungspolitischer Themen absolvieren und anschließend an Projekttagen verschiedener Schulen mitwirken können. Außerdem möchte ich mich bei der Hausaufgabenhilfe in der Rostocker Asylbewerberunterkunft einbringen.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Ein Tag in der Einsatzstelle



In den vergangenen Wochen war ich so beschäftigt, dass ich einen längst fertiggeschriebenen Eintrag nicht laden konnte. Ich bin nun zwar schon seit einigen Tagen zurück in Deutschland, wollte nun aber meinen Bericht nicht einfach so "verstauben" lassen.
Falls ihr die nachgelieferten Bilder der Elefanten, Büffel, und so weiter noch nicht gesehen habt, schaut noch mal die letzten 2 Einträge an.







Meinen Einsatz im Projekt hatte ich, wie schon beim letzten großen Bericht, in der Entbindungstation. Nach fast 3 Monaten wurde ich zur Female Ward versetzt, danach Community Health- Gemeindegesundheit und nun OPD- Aufnahme. Ich verabschiedete mich also von meinen lieb gewonnenen Kolleginnen und Kollegen.

Einer der Arbeitstage auf der Station, quasi in Elementarteilchen aufgespalten:
  

Die Kinder essen am liebsten auf dem Boden sitzend..

Augustin mit seinem Kakao und Brot

7.40 Uhr:     Nachdem ich morgens mit meiner Gastfamilie Weißbrot mit Schwarztee frühstücke, der meinen ersten Schweißausbruch einläutet, starte ich den zwanzigminütigen Arbeitsweg. Ich verabschiede mich von meiner Familie und den Nachbarn: "Me kc edjuma"- Ich geh' zur Arbeit! -> "Yoo, kc bra!" Okay, geh' und komm'! Zuerst schlängle ich mich an der hektischen Straßenkreuzung vor der Wohnung zwischen Verkauferinnen und Taxen vorbei. Einige Schritte weiter hat ein Tro- Tro bei der Passagiersuche viel zu dicht an der metertiefen Abwasserrinne geparkt und zwingt mich dazu, dazwischen auf dem Bordstein zu balancieren. Geschafft ohne reinzufallen- ich gehe weiter den Berg zum Gyetchi Market hinauf, dessen Verkäuferinnen nach und nach ihre Stände aufbauen und ihre schweren Waren aus Taxikofferräumen laden. Die Steigung und die Hitze, die schon jetzt deutlich zu spüren ist, geben mir das Gefühl die Kondition einer übergewichtigen Achtzigjährigen zu haben. Hinter der Abzweigung zum Markt führt mich die von kleinen Containerläden gesäumte Straße zum nächsten Markt, dem Mandela Market, hinunter. Mandela, weil es dort so friedlich zuginge wie das Gemüt des südafrikanischen Ex- Präsidenten es sei, hat mir mal jemand erklärt. Einige Lehrlinge der Schneidereien haben begonnen, die kleinen Eingangsbereiche zwischen den Nähmaschinen zu fegen. Im nächsten Laden werden Seife um Seife, Cremetube um Cremetube und Tomatenmarkdose um Tomatenmarkdose präzise zu kleinen Pyramiden gestapelt. Heute ist Donnerstag- also Markttag. Zahlreiche Verkäufer_innen finden sich an den umliegenden Straßen und auf dem Marktplatz selbst ein. Hinter dem Supermarkt, der im Dezember durch einen elektrischen Kurzschluss bis auf die Grundmauern niedergebrannt ist, biege ich zur Hinterseite des Marktes ein. Kinder auf ihrem Schulweg grüßen mich mit " Good morning, Madame." oder " Ooooooburoni!!" während Händler_innen große Schalen mit Gemüse, Kokosnüsse, Zuckerrohr und  Alt- oder Neukleider an der Markmauer aufreihen. An der nächsten Kreuzung zeigen mir die versammelten Schafe und Hunde an, dass sich der große Müllcontainer dort wieder in eine kleine Müllhalde verwandelt hat.. obwohl die Containerumgebung oft gefegt und aufgeräumt wird.  Mit angehaltenem Atem und fixiert skeptischem Blick auf die eigentlich harmlosen Straßenhunde biege ich in den Pfad, der hoch zum Krankenhaus führt.

7.55 Uhr:     Während ich das Krankenhausgelände betrete, treffe ich Kollegen, die auch gerade zum Dienst kommen- Smalltalk im Gehen. Schon aus einigen Metern Entfernung höre ich einen Priester in einer Lautstärke predigen, die zu dieser Uhrzeit ziemlich unchristlich ist. Eine große Gruppe von schwangeren Frauen sitzt dem aufgeregt predigenden Mann auf Bänken vor der Station gegenüber und wartet, "Amen!" an den richtigen Stellen rufend, auf das Eintreffen der Krankenschwestern. In ungefähr einer halben Stunde gehen sie dann zur benachbarten Schwangerschaftsvorsorgeabteilung.

Die Entbindungsstation

 8.00 Uhr:     Bei Betreten der Station begrüße ich die Schwestern, die bereits da sind und fleißig Schreibkram erledigen oder Wattetupfer rollen. Die Oberschwester grüßt mit einem strengen " Good morning, Abena!", lacht mich dann aber doch an. Auntie Anni, die von ihren Kollegen auf ghanaisch- unverfrorene Art Auntie Obolo- "Tante Fett"- genannt wird, steht daneben und studiert Akten. " Good morning my Sister!" ruft sie. Anni ist diejenige, an deren mütterlichen Lächeln niemand vorbei kommt, ohne nicht davon angesteckt zu werden. Sie strahlt eine permanente Ruhe aus, verstärkt durch ihr immerwährendes Summen. Scheinbar mühelos betreut sie täglich die Nachsorge der Neugeborenen und wacht als Dienstälteste über der Geburtshilfe. Die zwei Chefinnen sitzen unterdessen am Schreibtisch im Eingangsbereich und managen alle Aufgaben der Station mit ca. 60 Betten- Aufnahmen, Entlassungen, Notfälle, Visiten, Medikamentenbestellungen usw. in jahrzehntelanger Routine. Die Nachtschwestern geben noch Informationen zu den Patientinnen und im Anschluss teilen wir uns auf- normale Stationsarbeit/ Visite/ Geburtshilfe, soweit anfallend/ tägliche Wundpflege für Frauen nach dem Kaiserschnitt/ Nabelschnurpflege der Neugeborenen/ Baden aller Neugeborenen/ Medikamente aus der Apotheke holen und so weiter.

Auntie Annie und ich an meinem letzten Tag
Die Chefinnen und ich


 9.00 Uhr:    Der Gynäkologe Dr. Dzuzube ( gespr. Dschudschubi) kommt zur Visite. Er ist einer der 3 Ärzte des Krankenhauses, medizinischer Leiter, chronisch Überarbeitet aber kann jeder Situation einen Scherz abgewinnen. 24/7 ist er für den OP und die Entbindungstation verantwortlich, Wochentags hat er zwischen den Visiten gynäkologische Sprechstunden. Zu seinem Nachteil fallen, ungeachtet der Tageszeit, häufig geplante aber auch notfallmäßige Kaiserschnitte an. Mal liegen die Kinder nicht in der richtigen Position für die natürliche Geburt und sie müssen auf diese Weise auf die Welt kommen. Es gab Nächte, in denen Dr. Dzuzube die halbe Nacht operierend verbrachte und anschließend morgens vollkommen übermüdet zur Visite kam, um 2 neue potentielle Kaiserschnittpatientinnen anzutreffen. Zu seinen geplanten Operationen gehören auch die Entfernung von gutartigen Tumoren der Gebährmutter( Myomektomie) und die Entfernung der Gebärmutter selbst.  
Während der Visite schickt Dr. Dzuzube alle Frauen, die geburtstechnisch "überfällig" sind, zu den 2 Geburtsräumen.
Inzwischen hat sich dort eine Schlange von ca. 20 Frauen gebildet. Akribisch schaut er sich jede Einzelne im Geburtsraum an: Vermessung des Bauches, Ertasten der Lage des Fötus, Abhören der Herztöne des Kindes, Ertasten des Geburtsstadiums( Muttermund) und meistens folgt dann die Einleitung der Geburt mit einem Medikament.
Da die Frauen mit eingeleiteter Geburt während meiner Schicht vorerst in den Wehen liegen, helfe ich beim Baden der Kinder, was den halben Vormittag in Anspruch nimmt. Danach hole ich ein paar Medikamente von der Apotheke.




 
Babybad

12.30 Uhr:    Mein an ghanaisch riesige Portionen gewöhnter Magen ist komplett ausgedorrt- Essen muss her. Ich ziehe mich schnell um und kaufe mir Reis und frisch geschnittene Mango an der Straße vor dem Krankenhaus. Beim Verlassen des Geländes treffe ich den Torwächter:
     Er: Wo ho y3?(Wie geht's?)
-> ich: Me ho y3 paaa! Na wo nsu'3? ( Sehr gut, dir?)
-> Bckcc. Na wo kc h3?( Gut. Wohin gehst du?)
-> Me kc didi. Me'kwaaba, ouai? ( Ich geh' essen. Ich komm gleich wieder, okay?)
-> Yoooo, kc bra! ( Okay, geh' und komm'!)

( Ob das alles so geschrieben wird- keine Ahnung..)
Ich freue mich über meine Krümel an Fantisprachkenntnissen und er lobt mich mit einem " Very good!".

13.00 Uhr:     Zurück auf der Station- die erste Frau ist bereit zur Geburt. Ich lege die Materialien bereit, schaue der Hebamme bei der Geburtshilfe zu und säubere das Neugeborene dann, bevor ich es wiege. Ein angelegter Dammschnitt muss genäht werden und es bedarf einigen Zuspruches, als die frischgebackene Mutter die große Nadel sieht. Nachdem Mutter und Kind versorgt sind, bringen wir sie zu ihrem Bett und
säubern das "Geburtszimmer".

Entbindungsraum


Hilfsmittel- Messen des Bauchumfangs, Abhören der kindlichen Herztöne, Einstufen des Geburtsvorgangs

14.00 Uhr: Schon ist unsere Frühschicht vorbei und die nächsten Schwestern kommen zur Ablösung. Ihre Pünktlichkeit kann allerdings sehr variieren. Die eine Kollegin kommt 5 Minuten früher, die nächste verspätet sich um 40 Minuten. Beim "ghanaian Way of Life" kein Problem, jede Schwester kommt dann und wann zu spät und niemand beschwert sich, wenn er oder sie statt eigentlich 14 Uhr erst eine Stunde später gehen kann weil vorher nicht genügend Personal da ist.

14:30 Uhr:      Ich besuche eine befreundete Familie in deren Bäckerei vor dem Krankenhaus. Nachdem auch ihr Gastsohn von der Einsatzstelle kommt, schenkt seine Mutter uns ein Stück selbstgebackenes Brot und eine Fanta. Wir tauschen uns über Krankenhausalltag und Schulalltag aus und als ich dann nach Hause gehen möchte, fängt es plötzlich an wie aus Kübeln zu regnen- schließlich ist es Mai und Regenzeit. Wir warten über eine Stunde darauf, dass es aufhört- mal legt sich der Regen und es wird heller, da zerreißt ein neuer Blitz den Himmel, gefolgt von einem knallenden Donner und der Regen verstärkt sich wieder bis man nur noch wenige Meter weit sehen kann. Ab und zu springen vollkommen durchnässte Schulkinder unter das schützende Bäckereidach um dann wieder in den Regenbach zu springen, der sich neben der Straße gebildet hat.

Sissy Ma' Abena vor ihrer kleinen Bäckerei- da ließ sich der bevorstehende Regen noch nicht erahnen

David- einer der Mitarbeiter der Bäckerei

15.30 Uhr:     Ich gehe auf matschigen Sandwegen zum Mandela Market, um nach Stoffen für eine neue Hose zu schauen, die ich mir schneidern lassen möchte. Mit einem neuen traditionellen Batik Stoff gehe ich nach Hause,wo ich hastig meine Sachen zum Waschen zusammensammle. Wenn es regnet, stellen die Familien im Compound ihre Schüsseln und Eimer auf den Innenhof, sodass das vom Dach rinnende Wasser gesammelt werden kann. Zwar fange ich viel zu spät an zu waschen- es wird ja schon 18.30 Uhr dunkel. Dafür kann ich mir das Gerenne zum Wasserhahn und zurück für das Waschwasser sparen, da nach dem Regen auf dem ganzen Compound Schüsseln voller Regenwasser stehen, von denen ich mir genügend abschöpfen kann. Wir nutzen das gesammelte Regenwasser übrigens auch zum Duschen, wenn das Wasser mal abgestellt wurde.

19.00 Uhr:     Von Moskitos gepiesackt und mit wunden Fingern, weil zu viel Waschpulver in der Waschschale gelandet ist, kann ich endlich essen gehen. Meine Schwester Liesbeth hat Yam und Kontomre, eine Sauce aus Kokoyamblättern, gekocht. 10 Kinder sitzen auf Couch und Boden und schauen gebannt auf das Kinderprogramm, das gerade zum zehnten Mal seit ich hier bin " Spy Kids" zeigt. Dementsprechend sind die Kinder relativ Textsicher dabei mitzusprechen, bis meine große Schwester kommt und den Sender wechselt. Ab jetzt wird ein nigerianischer "Nollywood"- Film angesehen. Zum Glück, denn meist schauen wir ghanaische Filme auf Twi und ohne Untertitel, bei denen ich mich schnell in mein Zimmer verabschiede. Im Film den wir heute sehen geht es, wie so oft, um Liebe, Intrigen, reiche und nicht so reiche Menschen.

19.30 Uhr:     Entschlossen, endlich mal wieder einen Eintrag für meinen Blog zu schreiben, setze ich mich mit dem Laptop in mein Zimmer.

22.00 Uhr:     Mit Rückenschmerzen vom langen Sitzen gehe ich noch schnell Duschen. Das Leitungswasser ist eiskalt. Zurück im Bett frage ich mich, wie ich die deutschen Temperaturen aushalten soll und spiele mit dem Gedanken, mir einen Schneeanzug für den Herbst zu besorgen... Ich schlafe bei Grillenzirpen und leisen Bässen des nahen Spots ein.

24.00 Uhr:    Das Bellen der Straßenhunde unter unserem Fenster und der Wechsel zwischen lautem Klingelton und Telefongesprächen meiner Schwester raubt mir sowohl Schaf als auch Nerven.. Zum Glück finde ich noch ein Paar Ohrstöpsel in meiner Tasche.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Nordenreise



An der Busstation in Tamale

Im letzten Eintrag ging es um den Beginn unserer Reise durch den Norden Ghanas. Wir haben bei Bolga mit Motorrollern Felslandschaften durchstriffen, uns auf eine dicke Krokodildame gesetzt, die Luft Burkina Fasos schnuppern dürfen, haben eine der wohl ungemütlichsten "Straßen" Ghanas bezwungen und wohnen nun im Mole Nationalpark zwischen Elefanten, Warzenschweinen und Pavianen. Die Bilder dazu sind jetzt auch dort zu finden.

.. da das Hotel im Mole NP als oft besuchtes Touristenziel dem westlichen Hotelstandard entsprechen möchte, können wir den Tag ganz dekadent im Hotelpool ausklingen lassen. Auch wenn ich und wir nicht gern wie typische weiße Touris auftreten- dem Pool kann dann doch niemand widerstehen. Auf dem Rücken schwimmend mit Blick in den Nachthimmel genießen wir den letzten Abend im Mole.


Der nächste Tag.
Wieder mal viel zu früh für einen Urlaub- um 3 Uhr- klingelt der Wecker; 4 Uhr- Abfahrt nach Tamale. Der Busfahrer verschläft nur eine knappe dreiviertel Stunde. Noch ist der Bus so gut wie leer. Als sich die Bustüren im nächstgrößeren Ort auf der Strecke öffnen, strömen etliche Menschen in den Bus. Es wird gedrängelt, es wird geschrien, es werden Kanister und Säcke durch Türen und Fenster nachgereicht. Als wir weiterfahren, ist der Bus so voll wie  deutsche Straßenbahnen zur Feierabendzeit. Wir werden wieder schrecklich durchgeschüttelt, eine besonders tiefe Bodenwelle katapultiert neben uns fast ein Baby vom Schoß seiner Mutter.
Zurück im Hostel beschließen wir voller Tatendrang, den Markt dieser Großstadt zu entdecken. Doch- Regen. Regen der einfach nicht aufhören möchte. Wir ziehen trotzdem los. Das Marktgelände befindet sich im Inneren zweier Straßen, in denen Laden an Laden steht. Einige Lücken bilden die Eingänge. Als wir einen davon erreichen, stehen wir vor einem Problem. Aus dem Eingang ergießt sich ein sandig brauner Regenwasserfluss auf die Straße. Versus Flip- Flops. Egal, wir springen an den Gassenrändern umher, von kleiner Insel zum nächsten Stein vor einem Laden. Nach dem ersten Sprung blicke ich auf den Holztisch vor mir-Kuh- oder Ziegeninnereien, die mit einem Messer akkurat zerteilt werden. Zu viel für Nase und Augen- eilig springe ich weiter. Zum Glück schließt sich der Fleischabteilung schnell die Textilabteilung an, in der Stoffe verkauft und Kleider geschneidert werden. Wegen des Regens sind aber leider viele Läden bereits geschlossen.. Später gehen wir zur Busstation um Tickets für die bevorstehende Fahrt nach Kintampo zu kaufen. Tickets würden erst am Morgen verkauft, wir sollen doch bitte 4.30 Uhr wiederkommen. Toll.

Der Wecker klingelt, wir schleifen uns aus dem Bett in unsere Sachen, stämmen die großen Reiserucksäcke auf unsere Rücken und machen uns auf den Weg zum Busbahnhof. Kein Bus. Es ist windig und, ja, kalt. Sehr sogar. 5 Uhr- wir bibbern weiter. 6 Uhr- es wird hell und wir erfahren, dass der Bus nie vor 6 kommen käme. Um 7 Uhr steigen wir dann endlich ein. 



Der Flatscreen darf zum Warten nich fehlen.. Nur angeschaltet wäre er besser..


Die Route geht wieder in Richtung Süden- die Streichhölzziehung in Bolga hat nicht nur Wa ausgeschlossen, sondern auch die Kintampo Wasserfälle und Buabeng- Fiema mit in den Plan aufgenommen. Wir kreuzen wieder die Voltaflüsse und steigen an der Kintampo- Raststätte aus. Im Bus haben wir einen jungen Mann getroffen und ihn mit seinen Telefonkonfigurierungsproblemen weitergeholfen. Nun hat er beschlossen uns zu begleiten. Eigentlich möchte er einen Freund besuchen, die Kintampo Fälle hat er aber als Kind zum letzten Mal gesehen.
Der Wasserfall besteht aus mehreren Stufen. An der ersten hängen eine schwarze Kobra und eine Python in den Baumwipfeln über uns. Die letzte Stufe ist deutlich höher. Wir warten in Badesachen unter den Wasserfall  und die glatten Felsen entpuppten sich als gute Rutsche. Unfreiwillig herausgefunden.




Tausendfüßler im Wald

Als wir gehen wollen, schlägt unser neu gewonnener Freund vor, bei seinem Freund zu essen. Er hätte uns bereits angemeldet und es läge sowieso auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel Buabeng- Fiema. Letztendlich sollte er uns nicht in die nähe der Dörfer, sondern eine knappe Stunde daran vorbei in die falsche Richtung führen. Da saßen wir nun also zu sechst ins kleine Taxi gequetscht. Falsche Richtung, zu spät, seit dem Frühstück nicht mehr gegessen- und noch keine Ahnung wie wir später zum Dorf kommen sollen, wo wir schlafen.. Wir sind gestresst- er gelassen. Schließlich erreichen wir das Haus seines Freundes Nanna. Während seine Frau uns zwei riesige Fufuklopse bringt, erzählen uns beide ihre Geschichte- sie kennen sich von der Schule, nun sei Nanna ein Fetishpriester.
Nach einem interessanten Gespräch über Geister und deren Kraft, Glaube und Willensstärke steigen wir in ein Taxi. Nanna's Bruder, dem es gehört, hat angeboten uns weiter zu fahren. Wir erreichen Buabeng noch im Tageslicht, das Guesthouse hat noch freie Zimmer- Entspannung.



Gegen 6.30 Uhr werde ich vom knallen des Wellblechdaches geweckt. Die Monameerkatzen- eine der zwei Affenarten, die in Buabeng und Fiema leben, springen über unser Dach. Als wir Frühstücken, entdecken wir sie in den Bäumen neben dem Gelände. Schließlich kommen sie zu uns, springen in den Mangobäumen und auf den Dächern umher.
Unser Guide, ein kleiner, alter Mann im braunen Anzug mit faltigem Gesicht, schräger Stimme und einigen fehlenden Zähnen, führt uns in den Wald. Er erzählt uns eine alte Geschichte( an die ich mich versuche zu erinnern):
Vor einigen hundert Jahren lief ein Jäger aus dem Dorf einer Antilope in den Wald nach. Er folgte ihr bis zu einem Fluss, an dem er auf einen fremden Mann traf. Es stellte sich heraus, dass der Mann ein Priester und Medium der Gottheit des Flusses war. Diese beschützten den Wald und die Affen darin. So kam es, dass der Jäger den Mann mit in's Dorf nahm. Der Priester erklärte, würden die Menschen die Affen ebenbürtig behandeln, würde er bei ihnen im Dorf bleiben.
Nach der traditionellen Naturreligion, glaubt man daran, dass Geister und deren Medium, der Priester, die Macht haben, persönliche Probleme zu lösen. Sie geben Rat bei Streitigkeiten, Ehebruch, Unfruchtbarkeit, etc.
Die Dorfbewohner willigten also ein. Seitdem kommen die Affen morgens und abends aus dem Wald in die Dörfer und essen ungestört wie wann und wo sie Lust haben- die Bewohner müssen ihnen etwas abgeben. Sie dürfen die Affen weder töten noch verletzten. Ist einer der Affen todkrank, so geht er in's Dorf, um dort zu sterben. Er wird dann auf einem Friedhof im Wald neben anderen Affen und den verstorbenen Priestern begraben.
Sobald ein Affe verstorben ist, beginnt sein Clan in jeder Nacht stundenlang zu schreien- sieben Tage lang. Nach den sieben Tagen wird auch ein Mensch im Dorf sterben, so der Glaube. 

Während er erzählt, führt uns der Mann zu einem Baumgerüst eines Fikus, zu den Affenclans, die sich überall durch die Äste in die Richtung unserer Bananen schwingen. Manche kommen vorsichtig zu uns, andere springen frech an uns herum, um die begehrte Frucht zu erreichen.






Nach der Tour entscheidet ein zweites Streichholzziehen über die Reise der Unentschiedenen- kein zweiter Abend mit den Affen, auf nach Kumasi.
In Kumasi verbringen wir den Rest unserer Reise. Beim ersten Versuch auf den Zentralmarkt zu gehen, werden wir wieder einmal vom Sturzregen überrascht. Danach herrscht auf dem wohl größten Markt Westafrikas, wie in Tamale, Feierabendstimmung. Wir besuchen das Kulturzentrum, füllen Abende mit der Suche nach Essmöglichkeiten- verursacht durch eine grottenschlechte Stadtkarte, entdecken die Gastfreundschaft von indischen Ghanaern, die uns in ihren Club einladen, die Spendierfreude von Libanesen, die in Ghana großes Import- Export Business machen, dann tatsächlich doch noch den unheimlich großen Markt. An Stoffstraßen, Unterhosengassen und Schmuckgängen vorbei. Dann..
Wir schauen ungläubig auf eine silberne Schale, auf der ein Haufen getrockneter Camelions liegt, beraten uns und fragen dann die Verkäuferinnen, ob sie die Camelions essen würden. Sie sind geschockt. Essen??? Nein, die verwenden wir für Medizin. Ach so, na dann..
Wandbild des Kulturzentrums

Vorm großen Regen und dem Zentralmarkt in Kumasi

Feierabend..

Der Markt von Oben



Unser letzter Tagesausflug geht zum Schmetterlingsschutzgebiet in einen Wald bei Kumasi. Schon lange vor der Reise haben wir uns halb im Scherz auf diesen Ort gefreut. Tausende verschiedener exotischer großer Schmetterlinge. Im Wald angekommen- Regen. Viel Regen. Langer Regen. Unsere Rettung- im Empfangsgebäude, dem sich ein Gasthaus anschließt, steht ein volles Bücherregal. Und Sofas. Wir durchstöbern alte Doktorarbeiten über die Schmetterlinge und alte Zeitschriften, während der Regen auf den Blechdächern trommelt. Bei der geführten Tour fliegen dann 2 kleine Schmetterlinge an uns vorbei. Statt Butterflys eine Baumbeschauungstour. Nicht was wir uns vorgestellt haben, aber langsam gewöhnen wir uns daran, dass sich der Regen nicht von unseren Oburoni- Planungen beeindrucken lässt.